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Richi Blau
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Im Spannungsfeld zwischen Musik, Studium und Verantwortung

Es ist schon komisch, wenn ich überlege wie sich mein Blick auf Musik, vor allem meine eigene Musik in den letzten Jahren gewandelt hat. Was früher unendliche Passion und ein Leitstern war, ist jetzt nicht mehr als ein Schatten hinter einem dichten Nebel.

Das hat sich nicht nach und nach so eingeschlichen, das kam von heute auf morgen. 2020 März startete für uns alle auf der Welt eine noch nie dagewesene Zeit. Angst vor COVID-19, soziale Isolierung, Tests Tests Tests. Für manche Studenten war das eine willkommene Phase, in der sie so lange sie wollten im Bett bleiben konnten, für andere entstanden Zeiten emotionaler, psychischer Schwere. Für mich und die Jungs damals jedoch war das eine Chance, die Musik ein für alle mal ernst anzugehen.

Wir haben uns eine 1-Zimmer-Wohnung angemietet, ohne Vertrag, schwarz auf die Kralle und haben mein gesamtes Equipment dorthin verfrachtet. Die Miete von 350,-€ haben wir uns zuerst nur zu zweit geteilt, nach und nach haben wir immer mehr Leute zusammengefunden. Der Deal war einfach: beteilige dich an der Miete und du kriegst Studiostunden plus Mix und Master. Eine Art Abo mit All-Inclusive. In dieser Zeit haben wir uns gegenseitig permanent Feedback gegeben, haben an unseren Skills gearbeitet und so viel gemacht wie wir nur konnten. Wir haben in der COVID-Zeit angefangen eine kleine Welle zu erzeugen. Mit Kontakten, mit unorthodoxen Ideen und mit einem Spieltrieb, den ich schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Dabei hieß es immer, dass wir unser Ego beiseite legen und uns gegenseitig unterstützen wollen. Dies beinhaltete für mich auch, dass Neid keinerlei Rolle zu spielen hat. Wir haben und Nächte um die Ohren gehauen, haben viel produziert, viel recordet, aber auch nach und nach investiert, Geld. Vor allem mein Producer-Bruder SNL und ich als Producer rizzakbeats haben in Plug-ins und Marketing gesteckt.

Wie das Leben aber so spielt, haben sich Abgründe aufgetan, die einen zum Zweifeln brachten, ob das, was man bisher mit bestimmten Menschen erlebt hat, real war oder man in einer Art Hypnose gefangen war, die einen immun machte vor jeglichen Warnungen. Es kam wie es kam, wir mussten aus dem Studio raus und sind nach Offenbach in ein weiteres Studio gegangen. Dort hielt es sich auch nicht mehr lange, und jeder ging seine eigenen Wege. Vieles davon ist auch von mir ausgegangen. Ich habe mein damaliges Musikwissenschaftsstudium während COVID komplett vernachlässigt, mit der Musik lief es nicht so wie ich es mir erwartet habe und es schien so, dass die Feedback-Kultur, die zumindest ich immer so ehrlich wie möglich an meine Jungs gegeben habe, sich nur in einer Einbahnstraße verlief. Ohne Feedback von außen konnten wir uns nicht verbessern.

So bin ich wieder zu meinen Eltern gezogen. Ohne wirklichen Plan für mein Leben. Ohne ein Ziel für meine Musikkarriere.

Ich kramte zwei Songs aus, die ich während der COVID-Phase nur zum Spaß entwickelte aus, machte noch einen weiteren Song bei meinen Eltern, und so sind „Ich bin ohne dich dich“, „Erinnerst du dich“ und „Gegen die Zeit“ entstanden. Gleichzeitig habe ich mich mit DepressIves zusammengetan, um an seiner ersten EP „Messer“ zu arbeiten. Dabei entstand die Lust bei mir, selbst wieder als Musiker aktiv zu werden. So wurde Richi Blau geboren. Doch ein Schisser, wie ich es bin, wenn es um große Entscheidungen im Leben geht (z.B. Jobwahl), habe ich mich dafür entschieden, ein letztes Mal es an der Uni zu versuchen. In Heidelberg, Japanologie. Im Oktober 2021 bin ich dann nach Heidelberg gezogen, habe ein neues Umfeld gehabt und gleichzeitig auch viel mehr Verantwortung. Ich war zu dem Zeitpunkt bereits 29 Jahre, habe zwar eine Ausbildung in der Tasche, aber zwei abgebrochene Studiengänge hinter mir.

Um meinen Eltern nicht noch mehr Sorgen zu bereiten, machte ich mich drauf und dran alles für das Studium zu geben. Mit dem Ergebnis, dass zwar meine Noten an der Universität gut waren, ich aber meine Passion Musik komplett in den Hintergrund gerückt habe. Erst als das Austauschjahr in Japan startete, habe ich die Zeit gefunden meine Musik fertigzustellend und zu veröffentlichen. „Gegen die Zeit“, „Umarmen“ und „Herz“ sind in dieser Zeit entstanden und veröffentlicht worden. Es hat eine Menge Spaß gemacht und ich wollte unbedingt weitermachen.

Doch zurück in Deutschland kam wieder der alte Trott in mein Leben: Vollzeit-Studium (mit dem Druck, in Regelstudienzeit fertig zu werden (in diesem Fach beinahe unmöglich)), zusätzlich einen Nebenjob, der mir Essen auf den Teller schafft und wieder diese Ungewissheit, was nach dem Studium kommen wird. Der eigentliche Plan war es, nach Japan zu ziehen, sobald der Bachelor in der Tasche sein würde. Letztendlich bin ich in den Master gegangen, obwohl mir das Studium Panikattacken gebracht hat und ein Gefühl von unglaublicher Müdigkeit.

Jetzt bin ich in einem Vollzeit-Master, habe zwei Nebenjobs, bin verheiratet und muss eigentlich für den Vollzeit-Master mein Japanisch in meiner Freizeit verbessern. So wie ich diese Worte schreibe und sie vor meinem Auge sehe, denke ich mir, wie ungesund und verrückt sich das anhört.

Doch das schlimmste ist, dass ich für die Musik keine Zeit habe. In der freien Zeit, die ich habe, doom-scrolle ich, falls ich mal nicht mit meiner Frau irgendeine Serie oder einen Anime schaue. Ich weiß, dass meine Prioritäten nicht so gesetzt sind, wie man sie setzen sollen müsste, wenn man mit Musik ernsthaft etwas Geld nebenbei verdienen möchte.

Ich frage mich, ob ich es denn überhaupt wirklich noch will. Ob ich es mir eventuell nur einrede, es zu wollen. Oder ob ich es mir unbewusst einreden möchte, dass ich es nicht mehr will, denn ich muss ja „studieren“ und einen „Master-Abschluss“ machen, damit ich später „Geld verdienen kann“.

Ich weiß jedoch folgendes ganz klar: Da wo ich gedanklich bin, da geht es mir nicht gut.

Ich bin mir selbst mein größter Feind. Ich quäle mich für irgendetwas. Ich weiß nicht, ob es aus einem Gefühl der Scham herrührt im Leben bisher nicht viel erreicht zu haben im Vergleich zu anderen Cousins und Cousinen. Ob es irgendein Verhaltensmuster ist, dass ich mir unbewusst abgeschaut habe. Oder ob es einfach der Übergang zum „Erwachsenenwerden“ ist, der bildlich die kindliche Seele erstickt und ich diesen Prozess einfach nicht gut verarbeiten kann.

Mir fehlt das Musik machen ohne Druck und ohne Erwartungshaltung. Doch das kommt glaube ich nie wieder. Denn ich bin erwachsen und trage Verantwortung.

In der Hoffnung, dass sich irgendetwas ändert, ist das hier ein Eintrag, um das loszuwerden, was mir auf dem Herzen liegt.

Richi Blau

„Kalte Flügel“ bringen Menschen zusammen
Blog Gedanken Richi Blau

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